Der seltsame Weg des Klaus Einsiedel


Der seltsame Weg des Klaus Einsiedel

Artikel-Nr.: EV-B-1011

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Autobiographischer Roman

 

Dieser Roman ist meine genaue Lebensgeschichte und die Geschichte meines Geschlechtes (Ebenfalls viel kosmisches Erkenntnisgut hineingewoben).“ (Hans Sterneder)

Klaus Einsiedel ist der uneheliche Sohn einer Bauernmagd und eines Rittergutsbesitzers. Er wächst auf in der Tagelöhnerhütte seiner armen Großmutter, doch mit siebzehn Jahren übersiedelt er auf das Schloss des reichen Großvaters und wird hineingestellt in die strahlend kultivierte Atmosphäre seines Vaterhauses. Ihm wird nicht nur die Geborgenheit seiner endlich vereinten Familie zuteil, er verkehrt nun auch in den höchsten Kreisen der Gesellschaft. Er taucht ein in die berauschende Welt der Künste und saugt die Schönheiten von Dichtung, Musik, Malerei und Architektur in seine Seele. Glück, Freude und Seligkeit bestimmen sein Leben. Doch dann wendet sich sein Schicksal erneut ...

Dies ist das autobiographischste Werk Hans Sterneders. Mit der ihm eigenen Sprachschönheit erzählt der Dichter von den Ursprüngen seines späteren Künstlerlebens. Ein Roman voller Anmut. Ein Hochgenuss für jeden Literaturbegeisterten.

 

 

Leseprobe

 

Klaus und der alte Landstreicher
(aus dem 13. Kapitel)

© 2010 Thomas Eich-Verlag, Werlenbach
Alle Rechte vorbehalten

 

Ein Zug Krähen geistert mit fettem Flügelschlag wie ein starker, rauschender Wind über ihn. Noch als die Netze der Dämmerung sie eingefangen haben, tönt ihr quarrendes Klagegeschrei an sein Ohr.

Angestrengt horcht Klaus den schwarzen Vögeln nach, dann reitet er versunken weiter.

Währenddessen wandert ein gutes Stück weiter voraus ein alter Mann im wirbelnden Schneetreiben. Er ist klein, nur dürftig bekleidet, unter dem vergriffenen schwarzen Hut ringelt dichtes, nur mehr mit wenigen dunklen Fäden durchzogenes Weißhaar in den Nacken. Die Fäuste hat er in den Taschen, Kopf und Schultern eingezogen, über der rechten Schulter hängt ein mageres Ränzel.

Von selbst stampfen die beiden Füße des alten Landstreichers durch den hohen Schnee. Er ist müde. Den ganzen Tag schon ist er so durch den Schnee gegangen. Und er kann sich nicht helfen, er muss heut immer an Weihnacht denken. In drei Tagen ist Heiliger Abend. Aber solche Gedanken sind nicht gut für einen alten, einsamen Mann, der keine Menschenseele auf Gottes Erdboden hat, die zu ihm gehört und die sagen würde: „Pankraz, es ist kalt und Weihnacht ist vor der Tür. Willst du nicht ein wenig verweilen und deine Beine mal gehörig strecken?“ O ja, wie gern er das wollte! Aber das gibt es ja nicht. Blutsverwandte, die ihn noch kennen und sich seiner nicht schämen, hat er kaum mehr, und die Verpflegstationen sagen am Morgen immer „Kehraus!“

Aber der Schnee wirbelt und tanzt ihm ums Gesicht und hockt sich in seinen Bart, wie Vögel ins Gesträuch einfliegen, wenn es Abend wird. Und er kann sich nicht helfen, er wird ein wenig sehnsüchtig und muss an die Heimat denken, an die Kindertage, die so fern sind, dass ihm alles wie ein Märchen erscheint, und an die kleine Hütte der Eltern mit der warmen Stube hoch in Böheim oben. „Das war brav von dir, Pankraz, dass du so viel dürre Äste aus dem Wald geholt hast, da haben wir die Stube fein warm!“, sagt die Mutter; und er sieht sie deutlich vor sich. Und der Vater hockt im Winkel und flicht Körbe und nickt. Und dem alten Landstreicher ist so froh ums Herz. Aber da pfeift der Wind um seine Ohren und reißt ihn aus seinem Traum in die Wirklichkeit.

Unentschlossen bleibt der alte Mann stehen und schaut um sich. Wo wird er am Heiligen Abend sein? … Doch was sollen solche Gedanken! Will er schwach werden? Nein, Pankraz, dazu ist nicht die Zeit! Denk an deinen Nam’ – es wird schon wieder besser werden! Mit einem Ruck stapft er weiter durch den schneeverhangenen Abend.

Plötzlich ist es ihm, als höre er Pferdegestampf hinter sich. Er wendet sich um. Richtig, da ist ein Reiter hinter ihm, ein feiner junger Herr. Er bleibt stehen, lüpft den Hut und wünscht freundlich einen guten Abend.

Klaus, der von Kind auf eine Schwäche für Landstreicher hat, hält sein Pferd an, blickt dem Alten ins Gesicht und grüßt ebenfalls freundlich. Die Augen des alten Mannes fesseln ihn. Sie sind wie die eines heiteren, unbekümmerten Dorfbuben, der sich das Gesicht seines Großvaters vorgebunden hat.

„Wohin des Wegs?“, redet er ihn an. Das kleine Männchen lächelt.

„Ja, mein, wo halt der Weg hinführen wird!“ Er stellt sich dabei in Positur, wie es sich einem feinen Herrn gegenüber gebührt.

„Warum sind Sie denn nicht daheim? So nah vor Weihnachten!“

Das Männchen legt den Kopf in die Seite, wie ein kleiner Bub, der sinnt, und entgegnet nach einer Pause, als habe er selbst in sich hineingefragt:

„… Daheim? … Weil ich kein Daheim hab!“

„Kein Daheim? Haben Sie denn keine Frau, keine Kinder?“

„Das hat es mir nie getragen.“

Klaus hält betreten inne; dann fragt er:

„Was sind Sie denn von Beruf gewesen?“

„Bürstenbinder. Aber sehen Sie, gnädiger Herr, wie ich jung war und Geselle bei einem Meister in Wien gewesen bin, da hat es gerade recht und schlecht für mich gereicht, und wie ich alt geworden bin und nimmer so hab nachkommen können, da hat mich keiner mehr genommen.“

Erschüttert hat Klaus dieser knappen und doch so beredten Lebensgeschichte gelauscht.

„Aber warum gehen Sie dann nicht in Ihre Heimatgemeinde, ins Versorgungshaus?“

„Ich will niemand zur Last fallen, gnädiger Herr! Und dann, das Herumsitzen unter den alten Leuten, das taugt mir nicht.“

Klaus muss lachen.

„Aber Sie sind doch selber nimmer der Jüngste.“

„Das wohl, aber die Füß’ taugen noch!“

„Wie alt sind Sie denn?“

„Fünfundsiebzig. Fünfundsiebzig bin ich heuer um Maria Himmelfahrt geworden.“

„… Fünfundsiebzig! Und da sind Sie noch auf der Landstraße?“

Der Alte lächelt wieder so fröhlich über das ganze Gesicht, wie ein glückliches Kind, und sagt mit hoher, sorgloser Stimme:

„Ja!“

Klaus, den dieses bitternislose, geradezu heitere Gebaren fast verwirrt, fragt:

„Wie lange sind Sie denn schon auf der Landstraße?“

„Über die fünfzehn Jahr.“

„Da sind Sie wohl viel herumgekommen in der Welt?“

„Ja, viel! Deutschland, Italien, Frankreich, sogar bis Spanien. Und in der ganzen österreichischen Monarchie!“

Klaus staunt.

„Und haben Sie denn nie Sehnsucht nach Ruhe, nach Daheimsein?“

Der Alte schweigt eine Weile. Dann sagt er ohne jede Dunkelheit in der Stimme:

„Ja, manchmal schon! Aber was soll ich denn? In der Heimat kennt mich niemand mehr. Als halbwüchsiger Bub bin ich in die Fremd’ und seitdem nie mehr nach Haus gekommen … Auch nicht, als die Eltern gestorben sind. Weiß nicht, wo sie begraben liegen … Verwandte hab ich keine, und es hätt’ auch keiner eine Freud mit mir alten, nutzlosen Menschen … Und ins Versorgungshaus mag ich nicht! Das Hausen mit lauter alten, gebrechlichen, klagenden und raunzenden Leuten, das kann ich für mein Leben nicht ausstehen. … Und dann – die Welt ist ja so schön!“

Die Augen des Alten leuchten.

Diese letzten Worte fallen wie eine helle Sternschnuppe in das teilnahmsvolle Herz des Andern.

„Sie lieben die Welt?“

„Und ob!“

„Aber der Winter! Wenn es so bitterkalt ist!“

Das Männchen mit funkelnden Augen:

„Das macht nichts! Da muss man nur fest gehen, dann wird einem warm! Und dann: Es kommt ja auf jeden Winter der Frühling und der Sommer … und die Sonne!“

„Lieben Sie die Sonne so sehr?“

„Ja!“ Der alte Mann sagt es mit großer Innigkeit.

Klaus wird es ganz weit ums Herz.

„Aber warum sind Sie denn nicht wenigstens über Weihnachten in der Stadt im Asyl geblieben?“

„Wollt ich ja gern! Aber heut früh, da ist der Herbergsvater auf mich zugekommen und hat gesagt: ‚Musst weitermachen! Es sind zu viel kranke und gebrechliche Leut’ da, haben alle das Elend im Leib, und du bist gesund und hast noch gute Füß’.‘“

Der Alte sagt es mit einer Freude, der man die eigene Genugtuung darüber anhört.

„Ist ja auch wahr! Mir fehlt nichts, und meine Bein’“ – er sieht dabei mit einem geradezu zärtlichen Blick hinunter, „die sind, Gott sei Dank, noch gut beisamm’!“

Klaus ist von dem Alten derart gerührt, dass er am liebsten vom Pferd springen und ihn in seine Arme schließen möchte. Und innerlich ganz fröhlich, sagt er:

Da bin ich mit Ihnen froh darüber! Aber sagt mir, Vater, wie heißt Ihr denn eigentlich?“

„Morgenbesser. Pankrazius Morgenbesser ist mein Nam’, junger gnädiger Herr!“

„Morgenbesser!“, ruft Klaus ganz hell.

„Na, dann soll es aber nicht erst morgen besser werden, sondern schon heut’!“, und er langt in die Tasche, holt ein paar große Silberstücke hervor und legt sie, sich tief vom Pferde neigend, in die Hand des Greises. Auf dessen Gesicht malen sich freudiger Schreck und kindliche Seligkeit. Er tut den Mund auf, aber es geht kein Wort heraus. Seine Augen aber, die zwischen den Münzen und dem Reiter hin und her wandern, reden eine nur zu vernehmliche Sprache.

„… Soll das wahr sein? … Ist das kein Spaß? … O du liebe Zeit – so viel Geld hab ich ja mein Lebtag nicht beisammen gesehen!“

Klaus lacht glücklich: „Weil Weihnacht ist, Vater! … Aber gelt, nicht zu viel Schnaps kaufen! Lieber gut essen und ein gutes Bett dafür zahlen!“

Der Alte macht ein betrübtes Gesicht.

„Schau ich so aus, gnädiger Herr, dass ich Schnaps trink? Ich hab nie kein Branntwein ’trunken. Mein Vater – Gott lass ihn selig ruh’n – auch nicht!“

„Ich glaub’s gern! Ich hab ja nur gemeint!“

Und ihm die Hand herabreichend, die der alte Landstreicher nur zaghaft ergreift, nachdem er vorher einen Wischer über seinen verschabten Überrock gemacht:

„Und nun: schöne Weihnacht’, Vater Morgenbesser, und eine gute Zeit – und bleiben Sie gesund!“

„Ja … ja! …“, nickt der Greis mit der nämlichen hellen Stimme zu jedem Wunsch, „… und der Herrgott vergelt’s Ihnen, was Sie an mir altem Mann getan haben!“

Klaus muss sich mit Macht losreißen. Er wendet sich: Allein in der unendlichen Weite der Schneelandschaft steht das kleine Männchen, noch immer barhäuptig, wie entgeistert nach ihm blickend. Klaus winkt. Als er sich noch einmal umwendet, steht der andere noch immer am selben Fleck.

Doch mit jedem Tritt, den der Fuchs tut, spinnt das Netz der fallenden Flocken den Alten ein, bis er gänzlich verschwunden.

Klaus ist leicht und schwer zumut. Er ist so froh, dass er dem alten Mann unbeschwerte Weihnachtstage hat schaffen können. Und ist tief gerührt über das heitere Duldertum und die Einsamkeit dieses Habenichts, der nichts anderes sein Eigen nennt als seine gesunden Beine und sein zufriedenes Gemüt. Und er muss an das Schloss denken mit all seinen Herrlichkeiten und an die Liebe, mit der er von so vielen Seiten umgeben wird, und plötzlich sagt er zu sich: „Das war ja doch keine Heldentat, mein lieber Klaus Einsiedel! Nein, nein, da brauchst du dir gar nichts zugute zu halten! … Was hast du denn auch getan? Ein alter Bettler ohne Liebe und Dach ist dir draußen im winterlichen Schneetreiben begegnet und du hast angehalten und hast ihm von deinem Überfluss gegeben: Was ist das schon! Hättest du am Ende an ihm vorbeireiten sollen mit all deinem Heimbehagen und all deiner Geborgenheit in dir?! … Nein, nein, mein Lieber, das war wahrhaftig nichts Besonderes, was du getan hast! … Ein paar Geldstücke und ein guter Wunsch – was gibt das schon? Ein paar Tage vollen Magen, warme Wirtsstuben und ein gutes Bett in einer kahlen Kammer! Das ist alles. Ist alles für den Leib! Aber was hast du Sonderliches für die Seele dieses Menschen getan, der so offene Sinne hat und sich so dankbar freuen kann, mein sehr vornehmer Herr Einsiedel? … Sie reiten da tadellos auf einem Pferd heim, mitten hinein in Luxus und Liebe und Sorgfalt der Herzen, hinein in tausend Weihnachtsfreuden. Nein, nein, Herr Einsiedel, ich finde Sie gar nicht so besonders großartig! Da wollen wir schon weiter per Du miteinander reden und ganz energisch fragen: Was hast du also eigentlich für die Seele deines einsamen Bruders auf der fremden Landstraße getan? … Weihnacht: In ein paar Tagen brennen die Lichter, umhüllt uns die Liebe … Der arme Mann hat vielleicht sein Lebtag kein brennendes Bäumchen in seiner Kammer gehabt … Es hilft nichts, Klaus Einsiedel, ich bin nicht zufrieden mit dir!“

Mit einem entschlossenen Ruck hält Klaus den Fuchs an und wendet. Er muss ein gutes Stück zurückreiten, eh der Alte aus der Schneewand auftaucht.

„Vater, ich hab das zuvor nicht gut gemacht!“

Der Alte neigt den bärtigen Kopf wieder in die Seite und blickt ihn fragend an.

„Ich will, Ihr sollt Weihnacht haben! Wirklich Weihnacht! Ich lad Euch über die Feiertage in mein Elternhaus ein. Da sollt Ihr die Beine gründlich ausstrecken und froh sein! … Kommt!“

Der Alte kann sich eine Weile gar nicht rühren, auch nicht reden. Aber über seinem Gesicht liegt ein Glanz.

So ziehen sie mit warmem Herzen über die Landstraße. Klaus ist abgestiegen und führt das Pferd am Zügel.

Und so treten sie gemeinsam durch den wuchtigen Torbogen in das Schloss.

 

 

Weitere Produktinformationen

Autor:

Hans Sterneder

Umfang: 380 Seiten
Art/Einband: Hardcover
ISBN 978-3-940964-10-6

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