Sommer im Dorf


Sommer im Dorf

Artikel-Nr.: EV-B-1014

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Tagebuch eines Besinnlichen

 

So wie der Sommer draußen ein organisch Wachsendes ist, ebenso ist auch dieses Buch gebaut – trotz seiner scheinbar losen Form – und ein streng organisches Ganzes, wie im Sommer ein Tag in den anderen greift, der Abend nicht vor dem Morgen kommt, die Blüte nicht vor der Knospe, das Vöglein nicht vor der Liebe der brütenden Vogelmutter.“ (Hans Sterneder)

Der zweite Teil von Hans Sterneders Tagebuch eines Besinnlichen steht dem ersten Band „Frühling im Dorf“ in nichts nach. Wieder ist es geprägt durch eine bunte Vielfalt tiefsinniger Gedanken, wieder stehen kleine Alltagsbegebenheiten neben allumspannenden Gedankengängen über Mikrokosmos und Makrokosmos. Und alles immer aus dem weisen Blick des Geistmenschen, der in allem einen tieferen Sinn erschaut und das Leben über die Maßen liebt.

Nanda Herbermann schrieb 1931 in der katholischen Kulturzeitschrift „Der Gral“: „Das ist eines von jenen Büchern, die man nicht mehr aus der Hand legen möchte, bis man es durchgelesen hat. In ihm vereinigen sich scharfer Geist, eine kritische Beobachtungsgabe, ein mitfühlendes Herz und ein köstliches Gemüt. Noch mehr als im ‚Frühling im Dorf‘ erreicht hier der Dichter eine geistige sowie künstlerische Höhe, die über die Erde mit ihren tausend Schönheiten, mit ihren Menschen, Pflanzen, Tieren hinaufführt in das Reich des Geistes, wo vom Materialismus unserer Tage gar nichts mehr zu spüren ist, wo Gott ist und Ewigkeit.“

 

 

Leseprobe

 

Das Wunder des Stäubchens

© 2011 Thomas Eich-Verlag, Werlenbach
Alle Rechte vorbehalten

 

Den ganzen Nachmittag bin ich beim Uhrmacher gesessen. Der Tag war so wunderbar warm, dass mir die Wellen der aufgesogenen Sonnenhitze mehrmals wie heißer Atem aus den Ligusterhecken entgegenschlugen, und die Straße mit ihrem dicken Staubmull lautlos, denn die Kinder hockten auf ihren Schulbänken wie schläfrige Vögel.

Ich habe es glücklich getroffen. Der kahlköpfige Meister war gerade daran, eine alte Empireuhr zu reparieren, die dem Sonderling, dem alten Grafen Wurmbrand gehört, der in der Nähe unseres Dorfes sein Schloss hat und in ihm wie ein Dachs in seinem Bau haust. Allein der Anblick dieser Uhr hätte den Gang gelohnt. Auf gleißender Goldplatte, umfasst von edelgegliedertem Rahmen, lag fingerhoch geschnitzt eine spanngroße Sonnenblume, deren Blütenkorb das Zifferblatt war.

Der Alte schraubte eben das Werk aus dem Gehäuse, als ich in die Werkstatt trat.

Was für ein Behagen gleich! Der Arbeitstisch ganz am offenen Fenster, mit Werkzeugen überdeckt, das kleine, magere Männchen mit der großen Brille auf der Nase, im verblichenen, grünen Hängeschurz über seine Arbeit gebeugt und alles in warme, flutende Sonne getaucht, die in breitem Bündel durch das Geäst des großen, uralten Birnbaumes in die Werkstatt floss. Den Baum hatte sein Großvater selig einst vor das kleine, ebenerdige Giebelhäuschen gepflanzt, damit er stets etwas Grünes vor den angestrengten Augen habe. Zu dem Grün aber sind im Laufe der Jahre auch kühler Schatten und Vogellieder gekommen, und das freut den alten Matthias Vogeltanz gar sehr.

Wir sind schon lange gute Freunde, und so empfing mich nicht nur die Werkstatt mit dem heitersten Getick all ihrer bunten Uhren an den Wänden, sondern auch der Meister auf die herzlichste Art. Diese bestand darin, dass er den gesenkten Kopf nach mir wandte, mich eine Sekunde durch die Brille anblitzte, nicht einmal nickte, den Stuhl neben seinem ein wenig rückte und sich wieder ohne Laut an die Arbeit machte.

Matthias Vogeltanz ist ein großer Schweiger; er redet kaum nach Feierabend etwas, vollends nicht, wenn er arbeitet. Aber gerade das ist mir recht. Und gerade darum geh ich so gern zu ihm.

Also hab ich mich auf den Stuhl gesetzt und dem Alten zugesehen, wie er mit großem Bedacht, jede Bewegung ebenso ruhig wie sicher, die Uhr aus dem Gehäuse schraubte.

Nun war die „Seele“ draußen. Zu wenig geölt, „verdurstet“, wie der Meister zu sagen pflegte, und Räder und Naben dicht mit Staub bedeckt. Nur die große, schwingende Spiralfeder, auf welche die beiden Hämmer schlugen, war ganz wenig bestaubt.

Aufmerksam prüfte der Alte das Werk, so wie ein erfahrener Arzt den Patienten durchforscht, ehe er ihn untersucht, lockerte so dann die Schrauben, nahm Rad um Rad aus dem Gestell und legte Schrauben, Räder und Bolzen mit einer Umsichtigkeit und liebenden Sorgfalt vor sich auf die Platte, die mich entzückte.

Nun zog er die Lade auf, entnahm ihr ein Bürstchen und einen Lappen und begann die Teile vom dicken Staub zu säubern. Und während ich seinen Hantierungen zusah und mich an den messinggelben, blitzblank werdenden Rädern freute, die er in eine Schale mit Öl legte, nahm mich plötzlich der Staub gefangen, der ungestüm in tollem Tanz in der Bahn des breiten Lichtbündels stieg, wirbelte und sich drehte, dass es eine Lust war, dem Spiel dieser kaum mit dem Auge zu fassenden Teilchen zuzusehen.

Und ich kam nimmer los, und je mehr ich darein versank, umso wundersamer erschienen mir diese Wirbeltänze und umso lebendiger wurden vor mir diese winzigen Partikel, die hier in ganzen Wolken im gleißenden Gold der Sonnenstrahlen wie Mückenschwärme im Abendlicht schwirrten.

Ich weiß nicht, wie es kam – gottlob, dass man das in solchen Stunden nie weiß! –, aber mit einem Mal war ich ganz fern von dem Alten neben mir, fern vom Birnbaum und den Leuten, die spärlich auf der Straße draußen gingen, fern von mir selber – mitten im kreisenden Tanz des Staubes –, und der Staub war mit einem Mal lebendig und sang:

Öffne dein Herz, mein Bruder, und lausche!

Tue auf deine Seele, Bruder, und schaue – denn sieh, du schaust die Uhr des Weltalls mit dem Räderspiel all ihrer Sonnen, dem heimlich tiefen Weben der Schöpfung!

Siehst du den Tanz der Ur-Engel, der Elohims, von denen in euren heiligen Büchern steht, dass sie den Thron Gottes umkreisen?

Hörst du das Jauchzen und Preisen der unfasslichen Schar aller Sonnenengel und Planetengeister?

O lausche und spähe, versenke dich ganz, auf dass du erkennst das gewaltige Wunder vom Stoff-Sein und Stoff-Wahn – erkennst die letzte Wahrheit des Seins im ganzen Weltall: das große heilige Feuer, das als ewiger Liebes-Atem aus dem Mund Dessen bricht, Der Alles ist: – Ewigkeit und Raum, Weisheit und Licht, ... Urgrund, Schöpfer, Träger und Beweger!

Und ich warf mich hinein mit der ganzen Inbrunst meines Seins in das erhabene Lied des im gleißenden Lichte der Sonnenstrahlen singenden Staubes und hörte dieses:

Was ist groß, was ist klein? ...

Was ist da, was ist nicht da? ...

Was ist Sein, was ist Nichtsein? ...

So lausche Bruder und höre!

Winzig dünken wir euch, und wenn ihr wähnet, am untersten Ende der Tempelstufen der Schöpfung zu stehen, dann sagt ihr: – Dieses ist das Kleinste, Nichtigste: – Dieses ist Staub ... Doch was ist groß, was ist klein? Es gibt nur Eines in aller Ewigkeit: – die Herrlichkeit und Allmacht Gottes!

Und der Staub singt weiter: Winzig bin ich, so winzig, dass du mich nimmer fühlen kannst zwischen deinen Fingern, die doch den Sinn des Fühlens haben. So klein bin ich, dass du mich mit keinem deiner Werkzeuge mehr zerteilen kannst.

Du siehst mich noch, doch du fühlst mich nimmer – und fast möchtest du fragen: Ist dies, was ich sehe, Wirklichkeit oder ist es Schein? Siehe, ich, das STÄUBCHEN, das an der Grenze deiner Sinnenwelt steht – ich bin das Nichts, gemessen mit deinen Sinnen in der Flut der Erscheinungsformen der Erde – und ich bin doch riesengroß, bin Erde und Sonne, Erzengel und All-Gottheit selber!

So höre und verstehe!

Den Augen der Menschen war ich der kleinste sichtbare Teil der Materie. Als die Forschung weit genug aber fortgeschritten war und sie mich in ihren wissenschaftlichen Instituten untersuchten – da erschraken sie heftig, denn das Fundament ihres „Wissens“ vom Ende des Stoffes erlitt in jener Stunde den Todesstoß, und auf tat sich vor ihnen ein Neues, das ihre alte Auffassung in Gänze verwandelte: – das Wissen von der Unzulänglichkeit der menschlichen Sinne. Denn so oft sie sich über ihre Mikroskope beugten, immer verwandelte ich „Nichts“, ich „Ende“ mich in eine neue ungeahnte, physische Welt!

In eine Welt, von der man sah, dass sie theoretisch noch in unzählige Teilchen mechanisch zu teilen war, bis hinunter zu jenem kleinsten des Elements, wo die Teilung auch unter dem Mikroskop versagte.

Sie nannten dieses denkbar kleinste und auch nimmer messbare Teilchen, das ihr Wähnen vom Ende des Stoffes zerstörte: – MOLEKÜL.

Und sie errechneten, dass der Querschnitt solch eines Moleküls gleich war dem 12. Teil eines Quadrates von 1 Millionstel Millimeter.

Und fanden ein Zweites: dass 1 cm³ jedes Gases bei 0° und 760 mm Druck 27,2 Trillionen solcher Moleküle enthält. –

Und nun, mein Bruder, stelle dir die Moleküle in meinem schwebenden, tanzenden Stäubchen-Leibe vor und höre das Zweite!

Denn es kam in jenen Tage alles, was als schöner, unantastbarer Bau galt, ins Wanken und Zusammenbrechen.

Sie fanden, was ihren Schrecken schier in Verwirrung steigerte: – dass auch ihre Meinung von der Festigkeit des Stoffes ein Wahn war!

Denn sie kamen zu dem Wissen, dass diese individuell kleinsten Teilchen, diese Moleküle, sich nimmer berühren, sondern durch Zwischenräume voneinander getrennt sind – und somit keine geschlossene Masse mehr bilden. Es also letzten Endes gar keine feste Materie gab!

Letzten Endes also auch der härteste Stein eigentlich nichts anderes war als nur eine große Gemeinschaft von Milliarden für sich allein bestehender Teilchen, zusammengehalten von einer rätselhaften Kraft, ähnlich der Gravitation, welche die Planeten am Himmel zu einem Sonnensystem zusammenhält.

Doch die Macht, welche die Entwicklung der Menschheit leitet, war wieder einmal bei einem großen Reinemachen und Aufräumen mit allen Irrtümern angelangt und trieb die Gelehrten, die zu sehr vom Stofftrug behaftet gewesen, weiter in die Erkenntnis, dass jedes solches winzige, total unsichtbare Molekül noch nicht das Ende des Stoffes sei, sondern aus zwei oder mehreren bis zu zwölf noch kleineren Teilchen bestand – den ATOMEN.

Und sie errechneten, dass der Radius solch eines Atoms im Molekül-Leib 1 Zehnmillionstel Millimeter beträgt.

Und wieder standen sie vor jener rätselhaften Kraft, denn sie erlebten nun dieses: – Diese geheimnisvolle Kraft, welche die Moleküle eines Stäubchens zusammenhält zu einer scheinbaren Geschlossenheit, diese selbe Kraft hält die ebenfalls weit voneinander getrennten Atome eines Moleküls in dauernder, nicht ersterbender Bewegung.

Mit diesem Erkennen aber stürzte die dritte Tragsäule ihres Stoffwahns zusammen: – ihr Glaube von der starken bewegungslosen Ruhe des Stoffes!

Das ewig rasende Kreisen des Atoms wuchtete ihnen das Wissen auf: – dass es also letzten Endes auch keine Ruhe im ganzen Weltall gibt, sondern alles (selbst der festeste Stoff)  ständige Bewegung ist.

Diese Erkenntnis hob die ganze Welt aus den Angeln.

...

 

 

Weitere Produktinformationen

Autor:

Hans Sterneder

Umfang: 408 Seiten
Art/Einband: Hardcover
ISBN 978-3-940964-13-7

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