Der Bauernstudent


Der Bauernstudent

Artikel-Nr.: EV-B-1010

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Heimat- und Entwicklungsroman

 

Meine Kindheits- und Jugendgeschichte (Dichtung und Wahrheit)“ (Hans Sterneder)

Der Erfolg von Sterneders Erstling, der schon in den ersten vier Jahren fünf Auflagen erreichte, erklärt sich nicht zuletzt durch die dichterische Gestaltungskraft seines Schöpfers und seiner tiefempfundenen, lebendigen Liebe zu seiner österreichischen Heimat. In der ihm eigenen unnachahmlichen Art schafft Sterneder liebenswürdige Figuren, kraftvolle Bilder und eine wunderbare Geschichte. Um es mit Ida Bon-Ed zu sagen: „Das Buch ist ein Idyll.“

Erzählt wird die Geschichte des jungen Wolf Hess, seine Kindheit bei der Großmutter in einem kleinen Bauerndorf, seine Lehr- und Studienjahre und schließlich sein Reifen zum anerkannten Schriftsteller und Gelehrten, der schlussendlich sein erstes selbstverfasstes Buch in Händen hält: „Die Wiederkehr des Heiligen Gral“.

 

 

Leseprobe

 

Erster Schultag
(aus dem 3. Kapitel)

© 2010 Thomas Eich-Verlag, Werlenbach
Alle Rechte vorbehalten

 

Martin Löns lässt mit warmem Lächeln seine Augen auf den hellen Kinderköpfen ruhen.

Es ist eine stattliche Zahl, die ihm heute die Mütter zugeführt haben! Und das erfahrene Auge des alten Lehrers liest aus ihren blanken Fensterchen schon ihre ganze Schulzeit.

Der dort, mit den munteren Augen und der spitzen Nase, das wird einmal ein Schelm, aber klug und gutmütig. Ja, sicher ist es so! Wie stolz er auf seine weiße Halsmasche zu sein scheint! Er kennt ihn genau; es ist der Nutz, Franz Nutz, des Schuhmachers Sohn. Wen kennt er nicht! Wenn man zwanzig Jahre in einem Dorfe sitzt, kennt man jede Seele.

„Gefällt dir deine Masche, Nutz?“

„Ja, Hearr Leahra! Die hat miar meini Mudda kauf'n miss'n.“

„Kaufen hat sie sie dir müssen? Ja, warum denn?“

„Dass i schön bi, Hearr Leahra!”

Mit warmem Lachen nickt ihm Martin Löns zu. Und weiter geht sein Blick über die Kinder. Es sind viele helle Augen darunter, voll Offenherzigkeit auf ihn gerichtet, und voll eines Vertrauens, so rein und schön, wie es nur Kinder in diesem Alter haben können. Und mit heißem Herzen sagt er sich, dass sie sich in ihm nicht getäuscht haben sollen. Wie die Märzsonne hell durchs Fenster hereinscheint, so will er seine Liebe in ihre Herzen tragen.

Da sieht er zwei ernste himmelblaue Augen auf sich gerichtet, die ihn unverwandt ansehen. Prachtvolle Augen, denkt er bei sich. Der Junge wird mir einmal keine Schande machen. Es liegt eine Feierlichkeit in dem Gesicht, die zu sagen scheint: Nun kann's beginnen, im will's schon packen! Und die großen, ruhigen Augen setzen dazu: Großmutter hat gesagt, hier gibt es viel zu schaffen, so will ich mich fest umsehen.

Der Lehrer frug ihn: „Bist du gern zur Schule gekommen, Wolf?“

Der Junge nickt nur, aber das jähe Aufflammen in seinen Augen sagt ihm alles.

„Nun setz dich nur, Wolf, wir werden gut miteinander auskommen! Gelt?“

Wieder das tiefe Aufleuchten in den Augen des Buben.

„Was machst du, Barte!?“, ruft er einen Knirps an, der mit vollen Backen kaut.

„'n Opfi iss i!“

„Ja, darf man denn in der Schule Äpfel essen?“

„I hob' an Hunga“, führt der Kleine als schlagende Begründung an.

Martin Löns steigt auf die Treppe, sich von hier an die Klasse wendend: „Ihr seid jetzt in der Schule, Kinder, und da darf nicht jeder tun, was er will, und sitzen, wie er will. Deshalb will ich euch nun zeigen, wie ihr sitzen müsst.“

Und bald liegen hundert emsige, tatenlustige Hände auf die Bänke gefesselt.

Gott, was soll das werden, wenn man nimmer mit den Füßen bimmeln kann, denkt Klaus Löffler. Und er muss sich überzeugen, ob's noch geht. Ja, gottlob es geht noch. Oh, es geht gut, es geht gewaltig gut! Bald ist das Bürschchen in hellem Zappeln und würde so fortgezappelt haben, hätte ihm nicht plötzlich Jochen Nihl, sein Nachbar, eine Maulschelle hineingehauen.

Klaus Löffler begann zu plärren, und Jochen Nihl sagte: „D' Hax'n schlank'lt a olweil.“ Und das hatte er nicht leiden gemocht. Das gefiel Martin Löns, und so schaffte er mit ruhigen Worten Ordnung.

Es waren aber kaum ein paar Minuten vergangen, da musste sich der Lehrer schon wieder an die beiden wenden, da sie anscheinend in einen heftigen Wortwechsel geraten waren, bei dem sich besonders Jochen Nihl sehr entrüstet zeigte.

„Was ist denn, Jochen?“, wandte er sich an diesen.

Der fuhr empört auf:

„Ear sogt, i soll eahm 'n Oarsch lekka!“

„Aber Klaus, wie kannst du so etwas sagen, schämst du dich denn nicht?“

Klaus Löffler zog das Genick ein wie ein Igel, der beim Äpfelstehlen ertappt wurde.

Jochen Nihl aber ereiferte sich weiter:

„I tua eahm oba net 'n Oarsch lekka, oba mein Voddan sog' i's! Dear wiard eahm an schou lekka, oba mit an Hoselnussstecka!“

Als Martin Löns hierauf die aufwiehernde Klasse beschwichtigt hatte, wurde das Aufstehen geübt. Als das ging, sagte der Lehrer: „Wir haben in der Schule viel zu lernen. Zum Lernen aber brauchen wir den lieben Gott, denn wenn uns der liebe Gott nicht hilft, können wir nichts lernen. Deshalb wollen wir zu Gott beten, dass er uns in der Schule hilft."

Martin Löns faltete die Hände, und als volle Stille herrschte, schlug er mit der Linken das Kreuz. Weil aber die Kinder das Sichtbare genauso nachmachen, wie sie es mit ihren scharfen Augen sehen, und vom Denken noch wenig geplagt werden, machten sie alle ganz folgerichtig mit der rechten Hand das Kreuz.

Nun wurde das Gebet geübt, und bald klang es sicher den Worten des Lehrers nach:

Im Namen Gottes fang ich an,
Mir helfe Gott, der helfen kann.
Wenn Gott mir hilft, wird alles leicht,
Wo Gott nicht hilft, wird nichts erreicht.
Drum ist das Beste, was ich kann:
Im Namen Gottes fang ich an!

Als hernach Martin Löns daran war, die Namen der Schüler zu verlesen, beobachtete er, dass sich Karl Schnellinger in der ersten Bank bei jeder Gelegenheit umdrehte, wo er sich unbemerkt wähnte. Das war ihm schon früher aufgefallen. Er sah auch mit demselben Blick, wie Franz Nutz greulich in der Nase bohrte, Bartel weiter nach seinem Apfel lugte – ja, würgte er denn nicht bereits wieder, der Range! –, Tiefenböck mit Teufner unter der Bank im Handgemenge lag und Löffler seinem Widersacher die Zunge zeigte. Und von hinten in all das Gewirr hinein das ernste Gesicht mit den großen blauen Augen Wolf Heß'.

„Was hast du denn nur?“, wandte er sich an Schnellinger.

Der sah nun seine Zeit gekommen und bat mit seinen treuherzigen Bernsteinaugen: „Du, Leahra, loß 'n Wolf vira sitz'n, neb'n den da g'freit 's mi net.“

„Ja, warum willst du Wolf Heß bei dir haben?“

„Mir san olweil beinond, woaßt, Leahra.“

„Und da wollt ihr in der Schule auch beieinander sitzen?“, wandte er sich an Wolf. Dessen Augen begannen wieder aufzuflackern.

So kam Wolf Heß in die erste Bank zu seinem Freund. Sie sind nun beisammen gesessen, bis sie aus der Schule traten.

Alsdann mussten die Kinder selbst ihren Namen sagen. Matthias Edlinger rappelte ungelenk in die Höhe, und als er stand, wusste er ihn nicht. Ratlos sah er auf den Lehrer. Während ihm dieser seinen Namen suchen half, bemerkte er, wie sich Klaus Löffler zu Boden bückte, die Schultasche auf den Rücken schwang und den Gang hervorkam.

„Ja, wo willst du denn hin, Löffler?“, redete ihn Martin Löns an.

„I geh' hoam, dös Sitz'n is ma scho z'fad.“

Nur mit Aufbietung aller pädagogischen Milde konnte er den starrsinnigen Bauernjungen von seinem Entschlusse abbringen.

Als der Bub bereits in der Bank war, wollte er sich doch noch einmal vergewissern: „Du, Leahra, is 's bold aus? D' Muadda hot g'sogt, miar kriag'n heit Zwetschk'nknedI.“

Und die Gelegenheit zu diesem Fest wollte er sich durchaus nicht entgehen lassen.

Lachend beruhigte ihn der Lehrer, darauf wandte er sich wieder an die Klasse. „Jetzt gebt acht, Kinder! Weil ihr so brav gewesen seid, will ich euch eine Geschichte erzählen! Es war einmal ein Knabe, der war noch klein wie ihr, und der hieß Heinrich.“

Da bohrte Heinrich Rottensteiner seine Finger in die Luft und piepste in die Klasse:

„Hearr Leahra, i tua aa Heinrich hoaß'n!“

Dann setzte er sich beruhigt nieder.

Martin Löns fuhr fort: „Weil er noch klein war, spielte er jeden Tag, die kleinen Kinder haben ja sonst nichts zu tun. Aber schon immer dachte er an die Schule. Er freute sich schon sehr darauf und wollte stets mit den Großen in die Schule gehen. Der Vater sagte ihm auch, wenn er brav wäre, dürfe er dies bald. Und als der Tag herankam, kaufte ihm der Vater eine schöne Tasche, die war aus schwarzem Leder, an den Rändern war sie mit grünem Leder geputzt und mit gelben glänzenden Nägeln beschlagen, und führte Heinrich zur Schule. Der Herr Lehrer zeigte ihm seinen Platz, und Heinrich ging fleißig in die Schule. Kam er ins Schulhaus, nahm er schon draußen auf dem Gang die Mütze ab, ging ruhig hinein, gab dem Herrn Lehrer die Hand und sagte laut: ,Grüß Gott, Herr Lehrer!', nahm Platz und wartete. Er war ein artiger Knabe! Und wenn der Herr Lehrer etwas erzählte, schaute er immer auf ihn."

(Franz Nutz war schon wieder tief in der Nase.)

„Deshalb wusste er stets alles, lernte gut und machte seine Aufgaben flink fertig.

Und jeden Tag hatte er seine Hände und das Gesicht gewaschen und auch die Kleider und Bücher waren sauber und ohne Schmutz und Flecke. Er war auch ein reiner Knabe!

Deshalb hatten ihn auch alle sehr lieb:

Wollt ihr es auch so machen wie der kleine Heinrich?“

„Jaja“, rief die ganze Klasse.

Eifrig zeigte Franz Nutz auf.

„Was willst du, Nutz?“

„Du, Leahra, da Nosko hot an Dreck in dö Oahrwasch'l!“, triumphierte er mit reiner Forscherfreude.

Das kränkte den Kleinen dermaßen, dass er laut zu plärren begann. Nun musste Martin Löns ihn erst beruhigen, hernach fuhr er, auf seine Geschichte zurückkommend, fort: „Seht, darum merkt euch den Spruch:

Artig, flink und rein
Müssen Kinder sein."

Hell klangen die Kinderstimmen durch die Schulstube. Mittlerweile ist es Zeit geworden, und so sagt Martin Löns: „Nun soll die Schule aus sein.“

Er hat noch nicht ausgeredet, ist Klaus Löffler bereits wieder aus der Bank und will fortstürmen.

„Hoho“, ruft der Lehrer, „Klaus Löffler, Mutters Zwetschkenknödel sind noch nicht weichgesotten. Erst wollen wir noch dem lieben Gott danken, dass er uns in der Schule beim Lernen geholfen hat."

„Dös is jo ka Learna“, stellt Franz Nutz aus.

„Was ist denn dann Lernen?“

„Mei Bruada hot g'sogt, so muaß ma lerna: Eins und eins is zwei.“

Martin Löns konnte das Lachen nicht verbeißen. Das war also heute nach der Ansicht des kleinen Knirpsen kein Unterricht gewesen, weil das Schreckliche nicht vorgekommen war, das ihm sein Bruder vor Augen gestellt hatte: Eins und eins ist zwei!

Nachdem sie noch ein kurzes Gebet gelernt, führte sie Martin Löns auf die Straße und sah ihnen mit warmen Augen nach, wie sie eilig nach allen Seiten auseinanderstoben.

 

 

Weitere Produktinformationen

Autor:

Hans Sterneder

Umfang: 362 Seiten
Art/Einband: Hardcover
ISBN 978-3-940964-09-0

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