Die Weisheiten des Eremiten (E-Book)


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Die Weisheiten des Eremiten (E-Book)

Artikel-Nr.: EV-eB-1022
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Erzählungen von Ebba Pauli

 

Dieses Buch kann als ein Seelsorger angesehen werden. In einer fesselnden und zugleich schlichten Sprache wird uns geschildert, wie ein alter weiser Mann – der Eremit – auf die Nöte, Ängste und Fragen der Menschen antwortet, die zu seiner Berghöhle wandern, um dort Hilfe und Trost von ihm zu erlangen.“ (Bernd Körner)

Vor langer, langer Zeit, als die Menschen frömmer waren als jetzt, ereignete sich das, was in diesem Buch erzählt werden soll.

Mitten in des Waldes Einsamkeit wohnte ein alter Eremit in einer Felsenhöhle. Die Höhle befand sich auf einem hohen Berge, und der Weg hinunter ins Tal war lang und teilweise ungebahnt. Noch mühsamer war es jedoch, vom Tal zur Felsenhöhle hinauf zu klimmen. Aber doch hatten die Leute in der Umgebung die Gewohnheit angenommen, den Eremiten aufzusuchen, wenn sie in Herzensnot waren, wenn sie von Sorgen und Zweifeln heimgesucht wurden und ihre Seelen sich verzehrten in Sehnsucht nach dem, was das Leben ihnen nicht bescherte.

Und der Eremit wusste Rat. Voller Liebe, Güte und Weisheit leitete er die Herzen der Menschen, die hilfesuchend zu ihm kamen, zu Erkenntnis und Verständnis für sich selbst, für ihr Schicksal und für die Prüfungen ihres Lebens.

 

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Leseprobe

 

Gebetserhörung

© 2016 Thomas Eich-Verlag, Werlenbach
Alle Rechte vorbehalten

 

Zum Eremiten kam einmal eine andere Frau, die still vor der Höhle stehen blieb. Sie wollte ihn nicht stören, da sie sah, dass der alte Mann im Gebet versunken war. Als er endlich zum Eingang der Höhle kam, sagte sie: »Alter, warum betest du? Es ist nicht wahr, dass Gott die Gebete der Menschen erhört, wie die Priester sagen!«

»Frau, weißt du, dass du lästerst?«, war des Eremiten Antwort.

»Ich lästere nicht«, erwiderte sie ruhig, »ich weiß, was ich sage. Durch zwanzig Jahre habe ich Gott um ein und dasselbe gebeten; vor allen Altären im Umkreis von einigen Meilen habe ich auf den Knien gelegen und der Mutter Gottes Wachskerzen und Opfergaben gebracht. Tief innerlich in meiner Seele habe ich dies eine Gebet ohne Unterlass getragen; es war mein erster Gedanke am Morgen und mein letzter am Abend. Und dennoch wurde ich nicht erhört. Habe ich da nicht recht, wenn ich leugne, dass Gott die Gebete erhört? «

»Nein«, sagte der Eremit, »du hast nicht recht! Vielleicht war dein Gebet nicht eins nach dem Willen Gottes.«

Sie schüttelte ihr Haupt.

»Will Gott denn nicht, dass Ehegatten einander lieben?«, forschte sie.

Und nun erzählt sie dem Eremiten, wie sie sich in jungen Jahren vermählt hatte mit dem Manne, den sie geliebt. Aber nicht viele Jahre darauf hatte er sein Herz von ihr abgewandt, und alles war vergeblich gewesen, was sie danach getan und gesagt hatte, um seine Liebe wieder zu erringen. Nun begannen sie beide, grau zu werden. Sie lebten zusammen, aber es stand zwischen ihnen eine hohe Mauer, und es war nicht einmal möglich, im äußeren Einvernehmen mit ihm zu bleiben.

»Gibt es denn«, so fragte sie schließlich, »gibt es denn größeren Kummer, als Jahr für Jahr dem zur Seite zu stehen, den man mehr liebt als sein Leben, und doch mit ihm zu leben wie mit einem Feinde?«

Der Eremit blickte sie an und bekam Mitleid mit ihr. Er sah, dass eine große Sehnsucht in ihrem Herzen lebte, und er sagte nicht, wie der Pfarrer im Dorf, dass ihr Gebet nicht heiß genug gewesen war und dass es darum nicht bis zum Himmel hatte aufsteigen können. Er merkte, dass ihre Liebe so warm war wie bei einer Siebzehnjährigen, trotz der reifen Jahre und des langen Leidens. Aber er suchte auch nicht, wie der Pfarrer im Nachbardorfe, die Handlungsweise des Höchsten zu verteidigen mit dem Ausspruch, dass ihre Liebe Abgötterei wäre, die jenen erzürnte. Er wusste, dass die Menschen niemals zu viel lieben können und dass der Gott der Liebe nicht zürne über Liebe!

»Frau«, sagte er langsam, »du weißt nicht, was du sagst, und darum wird Gott dir deine Lästerung nicht anrechnen! Sieh, du bist das Opfer eines großen Irrtums. Dein Gebet ist erhört worden, vielleicht schon vor langer, langer Zeit, aber du hast es nicht gemerkt, und du hast weiter gebetet um das, was du schon erhalten hast.«

»Ich verstehe dich nicht«, sagte die Frau.

»Man muss nicht nur beten können«, erwiderte der Eremit, »man muss es auch verstehen, die Erhörung zu empfangen. Gehe heim und bete nicht länger, sondern nimm Gottes Geschenk an!«

Er kehrte in seine Höhle zurück, aber in des Weibes Augen war ein Hoffnungsstrahl erglommen. Sie stolperte, als sie ins Dorf hinunterging, so sehr eilte sie.

 

*                      *                      *

 

Acht Tage später stand sie wieder vor des Eremiten Höhle.

»Vater«, sagte sie, »ich weiß es jetzt, der Höchste erhört die Gebete der Menschen.«

Der Eremit nickte. Für ihn war, was sie sagte, das Gewisseste von allem. Es schien ihm auch offenbar nicht wichtig, dem zuzuhören, was sie ihm noch erzählen wollte. Es war, als wüsste er es im Voraus. Aber sie zwang ihn zuzuhören.

»Vater, an jenem Abend, als ich in mein Haus zurückkehrte, eilte ich ohne Zögern zu meinem Mann hinein, und was er seit zwanzig Jahren nicht getan hatte, das tat er jetzt, er stand auf und kam mir entgegen. Warum hat er das früher nie getan?«

»Weil du in all den zwanzig Jahren nicht zu ihm hingeeilt bist, als wie an jenem Abend.«

»Und als ich meine Augen zu den seinen erhob, sah ich in ihnen etwas von dem alten Glanze, dem Glanze, der mir entgegenleuchtete an dem Tage, als ich die Seine wurde. Sag, warum war der verloschen in all diesen Jahren?«

»Weil du ihn nie, kein einziges Mal, zu sehen erwartet hast«, antwortete der Eremit.

»Und jetzt können wir miteinander reden, wie in den herrlichen ersten Jahren, da ich ihm angehörte. Es ist, als wären all diese langen, schweren Jahre nur ein fürchterlicher Traum gewesen und als wäre es jetzt Tag geworden. Sag, Vater, wie war das möglich, dass all meinen Gebeten zum Trotz das Schwere zwischen uns gekommen ist und die Herrschaft behalten konnte durch zwanzig lange Jahre?«

»Verstehst du es denn nun noch immer nicht, meine Tochter?«, sagte der Eremit. »Du hast gebetet um das Gute, aber geglaubt an das Übel und die Hand nach diesem ausgestreckt. Nicht einmal der Höchste kann den Menschen außerhalb seines eigenen Bewusstseins erlösen. Nicht einmal der Höchste kann uns gute Gaben schenken, wenn unsere Hände immer zum Gebet gefaltet sind und sich niemals auftun, um das entgegenzunehmen, worum wir gebetet haben.«

Lange blieb die Frau stehen, in Nachdenken versunken. Es war, als erlebte sie in Gedanken die vergangenen Jahre noch einmal.

»Ich Törin!«, sagte sie schließlich.

Und wiederum eilte sie mit schnellen Schritten den Pfad entlang, sie hatte die verlorene Zeit zurückzugewinnen.

 

 

Weitere Produktinformationen

Autor:

Ebba Pauli

Art: E-Book (PDF)
Umfang: 231 Seiten
ISBN: 978-3-940964-38-0
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