Hans Sterneders autobiographische Romane – Teil 4

Hans Sterneders autobiographische Romane – Teil 4

Eine neue Zeit der Kunst


In der letzten Folge unserer Reihe widmen wir uns Hans Sterneders bekanntestem Roman, der – wie er selbst es einmal ausdrückte – aus einem unbefangenen und fabulierenden Schriftsteller einen dem Sakralen dienenden Dichter machte. Einen Dichter, dessen Werke nicht mehr nur entzücken, ergötzen und beglücken sollten, sondern in denen er Kunst mit dem Erkennen um den Sinn des Lebens vermählte und vereinte. Der bekannte Maler Hans Thoma
(1839-1924) schrieb in einem Brief an den Dichter über diesen Roman: „Fast möchte ich denken, dass Ihr ‚Wunderapostel’ eine neue Zeit der Kunst einläutet.

Teil 4: DER WUNDERAPOSTEL

Von diesem Buch an verschmolz ich häufig Kunst mit kosmischer Erkenntnis, also mit den Fragen um den Sinn des Lebens und der Natur.“ (Hans Sterneder)

Der WUNDERAPOSTEL war Sterneders dritter Roman und ist die Fortsetzung des SONNENBRUDERS. Er erzählt, wie Beatus Klingohr nach seiner im ersten Buch so niederschmetternd gescheiterten Suche nach dem Wunderapostel doch noch dem Heißersehnten begegnet. Warum dieser Einweihungsroman zu den autobiographisch geprägten Werken Hans Sterneders zählt, geht aus seinem Bericht „Mein Weg zum Wunderapostel“ aus dem Jahr 1924 hervor. Dort heißt es:

In dieser Zeit höchster Seelenkämpfe trat ein Mensch in mein Leben, ein Großer der Erde, ein gewaltiger, weltüberwindender, indischer Meister, dem, wie Shakespeare sagt, Dinge zwischen Himmel und Erde offenbar waren, von denen sich unser Menschenhirn nichts träumen lässt. Im ,Wunderapostel‘ ist davon so viel niedergelegt, als notwendig ist, um den Sinn des Lebens und der Schöpfung zu enthüllen.“

Die Buchkritik reagierte überwiegend positiv bis überschwänglich auf den WUNDERAPOSTEL. E. Borg nannte ihn 1924eine Offenbarung, die gelesen, genossen, erlebt werden muss“ und der Publizist Wilhelm Schwanerferne, sanfte, erlösende Himmelsmusik“. F. Dietrich bezeichnete ihn 1949 als „in der gesamten europäischen Literatur einmalig“, und die Zeitschrift Yoga aktuell nannte ihn 2011 „ein bedeutendes Werk der spirituellen Literatur“. In seiner Rezension für die Zeitschrift „Die Bücherwelt“ schrieb Karl Möhlig 1925: „Den weitaus größten Teil des Romans nehmen die Lehren des Wunderapostels ein. Sie geben ein klares, einheitliches Bild eines naturphilosophischen Systems. Was die Menschheit seit den Tagen der indischen und griechischen Naturphilosophie bis auf Schelling gedacht hat, ist hier, wohl verankert in moderner Naturwissenschaft, in ein großartiges System eingefügt, dessen Zauber sich keiner entziehen kann, selbst wenn man anderer Ansicht ist. Vom Leben der starren Materie über die Pflanzen- und Tierwelt führt er uns hinauf zur Menschheit und weiterhin durch das funkelnde Reich des Kosmos hinauf zur Gottheit.“

Der Wunderapostel, der sehr rasch in über 100 000 Exemplaren verbreitet wurde und in dichterischer Form die Geheimnisse der Schöpfung und den Sinn des Lebens aus kosmo-biologischer Schau heraus darlegt und aufzeigt, dass der Urgrund aller Schöpfung und alles Seins nicht der sterbliche Stoff, sondern der unsterbliche Geist ist. Und dessen ewiger Schoß: – Gott! Ich habe also an Stelle des materialistischen Weltbildes das geistige Weltbild dargelegt. Und so dreißig Jahre vor dem Ergebnis der Atomforschung das gesagt, was die Atomforscher heute als Tatsache aussagen: nämlich, dass es Stoff an sich überhaupt nicht gibt, sondern dass der Urgrund der materiellen Schöpfung über die Energie hinweg der ewige Geist ist. Bei dieser Gelegenheit will ich sagen, dass ich die Auszeichnung hatte, mit dem Vater der Atomforschung dem Geheimrat Professor Max Planck in enger Beziehung zu stehen.“ (Hans Sterneder 1969 in den Vorarlberger Nachrichten)

Zum Inhalt: Nachdem Beatus Klingohr am Ende des SONNENBRUDERS aus Frankreich abgeschoben und in einer Landstreicherunterkunft in Bregenz gelandet war, zieht er im Frühjahr wieder hinaus auf die Landstraße. Im Dachsteingebiet betritt er unvermittelt eine traumschöne einsame Almwiese, und die Schönheit dieses Fleckchens bestrickt ihn derart, dass er Weiterwandern und Ziel vergisst. In der Abgeschiedenheit der unzugänglichen Berglandschaft erlebt er eine so innige Verbundenheit mit der Natur, dass sein Herz in immer höhere Sphären gottseligen Glückes entschwebt. Da erscheint ihm eines Abends an einer Felswand ein leuchtendes Lichtkreuz. Drei Abende hintereinander erscheint es ihm, dann verschwindet es. Und Beatus weiß, was es ihm sagen will. Schweren Herzens reißt er sich von der Schönheit seines Almwiesenparadieses los und nimmt die Suche nach dem Wunderapostel wieder auf.

In einem kleinen Bergdorf begegnet er der alten Barbara Maatz, deren Weisheit ihn fasziniert und die ihn liebevoll auf seine Begegnung mit dem Wunderapostel vorbereitet. Dann, am Ausgang des Ortes, trifft Beatus ihn tatsächlich, den Heißersehnten, den so lange Gesuchten. Und mit dieser Begegnung beginnt für ihn ein neues Leben. Ein Leben, wie er es sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können. Zwar ist er auch an der Seite dieses Mannes immer noch ein Walzbruder auf den Landstraßen seiner Zeit, aber der Wunderapostel enthüllt ihm eine Welt, die fern ab davon zu liegen scheint. Eine Welt des Geistes, eine Welt der himmlischen Schönheiten und der göttlichen Gesetze. Wie ein offenes Buch breitet der Wunderapostel vor Beatus die Geheimnisse der Schöpfung aus und führt ihn hinein in immer tiefere geistige Zusammenhänge.

Aber der Wunderapostel ist nicht nur ein Weiser, ein Eingeweihter, ein Meister des geistigen Reiches, er ist auch ein Heiler, ein wirklicher Wundermann, unter dessen Händen sich Wunden schließen und Krankheiten verschwinden. Beatus erlebt es am eigenen Leib. Ein Schicksalsschlag hatte ihn einst hinausgetrieben auf die Landstraße – ein Zugunglück, eine schwere Verletzung seines Arms und die Vernichtung seiner Karriere als Geigenvirtuose. Nachdem er einige Zeit mit dem Wunderapostel umhergezogen ist und unfassbare Wunder miterlebt und geschaut hat, erlebt auch er das Mysterium der Heilung.

In einer alten, verwitterten Weinkirche an der Porta Genova zu Mailand lauscht er den Klängen eines Geigers. Dann kann er nicht anders. Er entreißt dem Mann die Geige und beginnt zu spielen. Er spielt und spielt und spielt. Die Halle ist voller Landstreicher in ausgelassener Stimmung, doch mit einem Mal ist es still, mucksmäuschenstill. Alles starrt gebannt auf den entrückten Geiger, lauscht den Klängen, ist wie verzaubert und ahnt, dass hier Großes geschieht und dass sie alle Zeugen von etwas ganz Besonderem sind.

Noch vieles mehr erlebt Beatus an der Seite des wundersamen Mannes, himmlische Tage, glückselige Stunden, doch schließlich kommt die Zeit des Abschieds, und sie stürzt Beatus in tiefe Verzweiflung. Den Mann, der sein Retter, sein Erlöser geworden ist, an dessen Seite er den Himmel erlebt hat, soll er nun verlassen? Er ist am Boden zerstört. Doch der Wunderapostel tröstet ihn und verspricht, immer mit seinem Herzen und seiner Liebe bei ihm zu sein. Dann geht er davon und verwandelt sich mehr und mehr in strahlendes Licht.

Das Walzbruder-Zeichen des Wunderapostels

Der bekannte Fotograf und Buchautor Kurt Hielscher schrieb 1924 über SONNENBRUDER und WUNDERAPOSTEL:

Ich bin Jahr um Jahr durch Deutschlands Herrlichkeit, durch die Wundergartenpracht Italiens, durch die sonnenumlohte Toteinsamkeit der Hochebene Spaniens gezogen und habe Herz und Augen geöffnet für alle Wunder der Natur, habe aber stets geglaubt, dass sich dies seligste Wanderglück nicht mit Worten ausdrücken lässt. Doch da hat mir das Schicksal Hans Sterneders ,Sonnenbruder’ und ,Wunderapostel’ in die Hand gegeben, und aus ihnen ist mir mit überwältigender Wucht all das entgegengeströmt, was hehrstes Naturleben, inbrünstigste Gottoffenbarung meiner Wanderseligkeit war. Deutscher, willst du den Geist Gottes und der Natur dich umwehen fühlen, von dem ich geglaubt, dass er unverkündbar sei, dann lies diese Bücher.“

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Hans Sterneder
Der Wunderapostel
Taschenbuch, 470 Seiten
ISBN 978-3-940964-39-7
LINK zum Buch auf unserer Verlagshomepage

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Lesen Sie hier die weiteren Teile der Reihe „Hans Sterneders autobiographische Romane“:

Teil 1: DER BAUERNSTUDENT

Teil 2: DER SELTSAME WEG DES KLAUS EINSIEDEL

Teil 3: DER SONNENBRUDER

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